Karfreitag in Reutte

Man muss mich schon umgewöhnen, wenn man an Karfreitag in Tirol zu Gast ist: Alle Geschäfte sind offen, und die Hektik ist noch größer als sonst. Die Reuttener Einzelhändler haben im Allgäu groß geworben, und tatsächlich haben viele Deutsche an Karfreitag nichts Besseres zu tun, als zum Einkaufen ins Nachbarland zu fahren.

Auch Aditi von der Times of India nutzt die Chance, ihren Fundus an Mitbringseln zu erweitern. Pflaumenschnaps in Mini-Fläschschen mit Tiroler Hut für die Jungs im Büro in Calcutta, Ohrringe für die Mädels. Wie schon Bill Ramsey
sang: “Souvenirs, Souvenirs. . .”

Tirol ist (wie ganz Österreich) mit großer Mehrheit katholisch, deswegen ist der höchste Feiertag der Protestanten nicht arbeitsfrei. Aber Gottesdienste gibt es dennoch. Um 15 Uhr etwa eine Liturgie zum Leiden und Sterben Jesu in der barocken Peter-und-Paul-Kirche in Breitenwang. Und es ist ganz erstaunlich: Das Gotteshaus ist voll, durch Zusammenrutschen bekommen wir gerade noch drei freie Plätze – so eine Resonanz dürfte es nicht unbedingt in jeder evangelischen Kirche im Dekanat Nürtingen gegeben haben.

Und Reuttes katholischer Dekan Franz Neuner gestaltet eine Feier, die auch für einen Protestanten sehr beeindruckend ist. Auf Orgelmusik wird verzichtet, nur der Chor singt, die Monstranz und der Abendmahlskelch fehlen am Altar, das Johannes-Evangelium wird szenisch gelesen, es gibt keine Eucharistie.

Vor dem Kreuz: die Scherben des Lebens.

Das verhüllte Kreuz wird feierlich hereingetragen, unter Gebeten enthüllt und  vor den Altar gestellt. Zur Kreuzverehrung kann jeder eine Tonscherbe in einen Korb davor legen – als Sinnbild für die Scherben des eigenen Lebens und das Kreuz, das wohl ein jeder zu tragen hat.

Nach der Klage Gottes: nur noch eine Kerze brennt.

Eine Frau rezitiert eine Klage Gottes über sein Volk, dem er so viel  Freiheit schenken wollte und das in der Enge der Angst versinkt. Mit jedem Klageruf verlischt eine Kerze auf dem Altar, bis nur noch eine einziehe übrig bleibt.

All das ist tief beeindruckend und geht unter die Haut. Auch Aditi, die keine Christin ist, sondern Hindu. Sie nimmt eine Ton-Scherbe, berührt damit die Füße des Gekreuzigten. Sie wird sie ihrem Sohn mit nach Calcutta bringen. Als Segenszeichen.

Romantische Landschaft Aditi an den Stuibenfällen.

Danach bleibt vor dem Abendessen noch etwas Zeit für einen kleinen Spaziergang an den Stuibenfällen, die viele unserer Leser unter anderem von der Leserwanderung zu Gunsten “Licht der Hoffnung” im vergangenen Jahr kennen. Auch die Frau aus Indien ist begeistert, wie sich das Wasser seinen Weg vom Plansee durch die Felsen in den Archbach bahnt. Und sie genießt es, einfach auf der kleinen Brücke stehen bleiben und durchschnaufen zu können: “Welch herrliche Luft!”, ruft sie immer wieder. Ja, stimmt. So ein Erlebnis wie hier hat Aditi in Calcutta nie.

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2 Responses to Karfreitag in Reutte

  1. B. Elers sagt:

    karfreitag als höchster protestantischer feiertag? dabei hat der papst doch in kuba gebeten, den karfreitag als feiertag zu begehen, was die kubaner seit der revolution gestern auch zum ersten mal machten

  2. Reinmar Wipper sagt:

    Die Karfreitagsliturgie der kath. Kirche ist keine Spezialität des Dekans in Reutte. Die ist geradezu genormt, und man sie, fast genau so wie in Reutte, auch in Nürtingens katholischen Kirchen erleben. Und zwar um 15 Uhr, also biblischer als die Evangelischen, die sich schon morgens versammeln.

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