Auf der Zugspitze

 

Nicht einmal 3000 Meter, nur gut ein Drittel so hoch wie der Mount Everest – was kann die Zugspitze, Deutschlands höchster Berg jemand aus Indien, wo es Tausende von Gipfel gibt, die weit höher sind, da schon bieten. Zumindest was Aditi Guha, meine Kollegin von der Times of India anbelangt, kann und muss man allerdings sagen: ganz schön viel.

Wettermäßig stand unser Ausflug nach Tirol ja nicht gerade unter einem guten Stern. Von unserer Ankunft am Donnerstagnachmittag bis zum Abend des Ostersonntag war nichts, aber auch gar nichts von den Alpengipfeln zu sehen. Wolken, nichts als Wolken bis ins Tal hinab! Auch die Webcam von der Zugspitze zeigte nichts als eine weiße Fläche: eine schöne Aussicht auf den Nebel mithin, nicht auf die majestätische Welt der Berge.

Der Sonntagabend weckte eine gewisse Hoffnung, und so wollen wir am Montagmorgen die Chance nutzen, in der Nähe von Ehrwald in die Tiroler Zugspitzbahn zu steigen. Der Himmel ist wenigstens nicht total wolkenverhangen. Ausgerechnet, als sich die 100 Personen fassende Gondel in Bewegung setzt, verhüllt sich der Gipfel aber wieder. So ein Pech!

Nach einer Viertelstunde Fahrt, in deren letzten Drittel es wegen des Windes ziemlich schaukelt, kommen wir auf 2950 Meter in der Bergstation an. Und der Himmel zeigt sich gnädig: Das Ehrwalder Becken ist ebenso zu sehen wie die fantastische Sonnenspitze, der Höhepunkt der Mieminger Kette. Im Skigebiet von Lermoos zieht sich der Kunstschnee als weißes Band durch grüne Wiesen. Der heftige Schneefall vom Ostersonntag ist schon wieder so gut wie verschwunden.

Auch die Ammergauer Alpen verhüllen sich nicht, und der Eibsee schillert in seiner ganzen Pracht. Garmisch lässt sich auch nicht nur erahnen. Wir haben also nochmal Glück gehabt, auch wenn die Dolomiten und die Hohen Tauern sich hinter Wolken verstecken.

Aber Aditis ist auch so begeistert. Alles im Leben ist eben relativ. Und für jemand, dessen Heimatstadt sieben Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist eben auch die Zugspitze ganz schön hoch.

Daheim in Calcutta sind Familie und Freunde ohnehin schon über der englischen Wikipedia gehangen und haben sich über das Ausflugsziel informiert. Es wird fleißig gemailt und ge-smst, und der Tenor der Nachrichten aus Bengalen ist stets derselbe: “Was für ein Glück Du hast, Aditi!”

 

Ein Erinnerungsfoto von der Zugspitze: Das muss einfach sein.

Kann man wohl sagen, denn sogar das goldene Gipfelkreuz auf der deutschen Seite leuchtet aus dem Weiß des Schnee heraus. Viele Touristen posieren davor, auch Aditi mit Christine, und die Kollegin von der Times of India bricht immer wieder in Begeisterungs-Rufe aus: “Einfach herrlich hier. Ich komme mir vor wie auf dem Dach der Welt! Das ist ganz anders als der Himalaja – aber einfach wunder-, wunderschön!”

Das Museum über den Bau der Zugspitzbahn auf der österreichischen Seite ist ebenfalls überaus beeindruckend und bietet zudem Schutz vor dem immer eisiger werdenden Wind. Toll auch, daß der Streik wegen der im Grunde unzumutbaren Arbeitsbedingungen in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts da nicht etwa ausgeblendet, sondern ausführlich thematisiert wird. Ödön von Horvath hat ja darüber ein Theaterstück geschrieben und einen Unfall dort zum Angelpunkt seiner Auseinandersetzung mit dem Widerstreit zwischen Kapital und Arbeit gemacht: “Die Bergbahn” erregte damals großes Aufsehen.

Fantastischer Ausblick bei der Talfahrt mit der Tiroler Zugspitzbahn.

Mit der modernen Variante dieses technischen Meisterstücks fahren wir dann wieder hinunter ins Tal. Und Aditis Begeisterung hält an: “Fotografier bitte!”, ruft sie mir immer wieder zu. Denn die Fotos will sie unbedingt nach Calcutta schicken. Denn nächstes Jahr will sie mit ihrer Familie zurückkommen. Ihren Sohn hat sie schon überzeugt: “Bring mir bitte eine Flasche Schneewasser mit!”, hat ihr der auf die Zugspitze ge-smst.

So was tut natürlich gut. Mit dem höchsten Bergle unserer Republik müssen wir uns also doch nicht verstecken. Obwohl ich mir das zunächst so dachte, als ich Indiens höchsten Gipfel, den Kangchendzönga, mit seinen 8586 Metern vor meinem geistigen Auge emporragen sah. Aber auch in der Welt der Berge scheint zu gelten. Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

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