Der erste Eindruck von Nürtingen

Aditi fühlt sich wohl. Das steht schon nach dem ersten Morgen meiner Kollegin von der Times of India in Nürtingen fest. Wie erwartet war der Wochenmarkt der ideale Einstieg in das Leben der Stadt am Neckar. Auch wegen der Herzlichkeit vieler unserer Leser, die die Journalistin vom Ganges (respektive Hugli) mit viel Freude auch persönlich willkommen geheißen haben. Das tat und tut uns beiden gut.

Die erste Recherche in Nürtingen: Aditi Guha am Stand der Blumenmönche auf dem Nürtinger Wochenmarkt.

Daß das Wetter eine solch große Rolle für den Umsatz auf dem Markt spielt, das hatte  sich Aditi Guha nicht vorstellen können. Eine Verkäuferin am Stand der Blumen-Mönche hat erwähnt, dass man zwar zufrieden sei, aber sicher mehr Kunden gekommen wären, hätte die Sonne geschienen. “Bei uns gehen die Leute auch bei Regen auf den Markt”, sagt Aditi. Die Erklärung für den Unterschied liefert Jan-Manik Nerurkar, dessen Mutter in Calcutta lebt und den die Liebe als Student nach Nürtingen verschlagen hat: 30 Jahre lebt er nun schon hier, und man fragt sich, ob er denn nun mehr Inder oder mehr Schwabe ist, wenn man ihn erlebt. Er ist auf jeden Fall ein guter Botschafter Indiens in Deutschland und ein guter Botschafter Deutschlands in Indien. Und er wollte die Frau seiner Heimat schon am allerersten Tag ihres Besuches unbedingt treffen.

“Die Leute hier haben mehr Geld”, erklärt er Aditi: “Die können auch mal für eine ganze Woche einkaufen und brauchen nicht jeden Tag auf den Markt.” So kann man es auch sehen. Auf jeden Fall dürfen die Möglichkeiten, Vorräte aufzubewahren, besser sein, als in Bengalen, wo es durchgehend wärmer ist und zudem Kühlschränke Luxus sind.

Aditi fällt es auch auf, dass am Eierstand alle frischen Eier braun sind und sich kein einziges weißes drunter findet. Und die bunten kennt sie schon gar nicht, und so notiert sie den Osterbrauch aus Deutschland sofort auf ihrem Block.

Zu den Dingen, die Aditi gleich am ersten Tag begeistern, zählt, dass hier alles so gut organisiert ist: “Und alles ist so sauber. Das ist einfach brilliant!” Als ihr ihr Landsmann von der schwäbischen Kehrwoche erzählt (und davon, dass hier jeder für das Stück Straße vor seiner Haustür verantwortlich ist), ist sie Feuer und Flamme und findet, daß man so was eigentlich auch in Calcutta einführen sollte.

Als sie sich in der Buchhandlung Zimmermann umsieht, kommt die Inderin ebenfalls ins Schwärmen. Auch findet sie, dass die Mischung zwischen Tradition und Moderne in diesem Städtchen einfach wunderschön ist: “Das hat schon was ganz eigenes hier.”

Auch dass die Menschen hier so gut miteinander verbunden seien, beeindruckt sie: Dass ganze Familien zusammen auf den Markt kämen, dass die einen dann Käse oder Gemüse kauften und sich die anderen im Media-Markt nach den neuesten Computerspielen umschauen, um sich danach wieder auf dem Schillerplatz zu treffen –  das begeistert sie.

Und Pia Schwarz, eine junge Grötzingerin, die in Tübingen Jura studiert  und nebenher im Café Zimmermann als Bedienung jobbt, erweist sich als tolle touristische Botschafterin Nürtingens. Als sie mitkriegt, dass wir uns auf Englisch unterhalten, bringt sie sofort und ungefragt eine Speisekarte in englischer Sprache. Das ist einfach klasse, und genau so muss es einfach sein! Von dieser jungen Frau könnten noch manche was lernen.

Tolle Tourismus-Botschafterin für Nürtingen: Pia Schwarz vom Café Zimmermann zwischen Aditi Guha (rechts) und Jan-Manik Nerurkar.

Während wir da so eine Stunde am Rande des Schillerplatzes sitzen, entdecken die beiden aus Südasien (zurecht) ihre Begeisterung für ihre Heimat wieder. “Aus Indien stammen alle Dinge, die die moderne Welt am Laufen halten”, sagt Jan-Manik (ein absolutes Sorachgenie, denn er spricht nicht nur fast alle Sprachen Europas, sondern auch Chinesisch und Koreanisch). Beispiele gefällig? “Die Zahlen (inclusive der Null), die Astronomie, viele Musikindustrie, die erste Medizin überhaupt (Ayurveda), Seide (“das haben wir zwar von den Chinesen geklaut, aber wir machen es besser).” Und Aditi setzt noch eins drauf: “Die Tonleiter.” In Europa kennt zwar (fast) jeder “Do, re, mi, fa, so”, aber das indische “Sa – Re – Ga – Na- Pa – Dha – Ni – Sa” ist viel viel älter.

Aber dann bricht Jan-Manik auch noch eine Lanze für seine neue Heimat: “Was in der Urzeit der Menschen Indien für die Welt war, war Deutschland zu Beginn der Neuzeit.” Musterbeispiel Buchdruck, aber auch viele Erfindungen und philosophische Ideen. Damit hat er ideal die Brücke vom Hugli zum Neckar  geschlagen.

Was viele hierzulande nicht wissen dürften: Indien kannte lange Zeit keine Soldaten.   Kaiser Ashoka (dessen Wappen, das Rad, noch heute in der indischen Flagge zu sehen ist) hatte das Militär abgeschafft. Lange lebte man gut damit, doch als 1000 Jahre später die Araber kamen und das Land eroberten, erwies es sich nicht als die unbedingt pfiffigste Idee. Dieses Trauma wirkt heute noch weiter. Denn nun hat Indien (nach China) die zweitgrößte Armee der Welt. Aber die generell pazifistische Einstellung der Inder führt Aditi heute noch auf Ashoka zurück.

 

So gibt es sehr viel zu erzählen, und die Zeit vergeht wie im Fluge. Nachmittags stand noch der Ausflug in die Kreishauptstadt Esslingen an, wo meine Tochter Annika Linsenmaultäschle mit Gemüsesoße und Salaten für den Gast aus Indien gekocht hat. Und auch hier kommt Aditi aus ihrer Begeisterung nicht heraus: Zum einen über das Familienleben im Schwabenland (denn auch mein Enkel Levi überwindet seine Fremdelphase und bedenkt die Inderin mit strahlendem Lachen, und sein Papa Michael hat ja ohnehin immer viel Witziges zu erzählen), zum anderen über die saubere Luft, die es tatsächlich ermöglicht, die Sonne und den blauen Himmel überm Neckar zu sehen (was in Calcutta eine Seltenheit ist). Auch dass die Scheiben im Regionalexpress sauber und der Zug sogar pünktlich ist, genießt fast den Tang einer Sensation.

Freude statt Fremdeln: Auch Levi strahlt den Gast aus Indien an.

Als “entspannt, freundlich und herzlich” hat Aditi die Nürtingen am ersten Tag erlebt, sagt sie immer wieder. Fröhlich geht sie ins Bett. Morgen, am Sonntag, steht das nächste Abenteuer an: der Brezelmarkt in Altenriet.

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Leben, Uncategorized, Vor Ort und getaggt als , , , , , , , . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

2 Responses to Der erste Eindruck von Nürtingen

  1. B. Elers sagt:

    also geht es doch weiter;-) und ich war zur falschen zeit auf dem wochenmarkt
    unter dem bericht steht: postet from berlin
    also: deutschlandtour und dadurch zeit zum bloggen?

  2. Reinmar Wipper sagt:

    Die europäischen Tonleitern stammen aus der griechischen Antike und haben mit den indischen Tonleitern (Ragas) nicht viel gemein, weder musikalisch noch historisch. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie jeweils einen Tönevorrat darstellen. Die indische Musik ist einstimmig, die europäische seit dem 12. Jahdt. mehrstimmig. Mehrstimmige Musik ist nur möglich auf der Basis der Ganz- und Halbtonschritte der Tonleitern (7 Stück). Die indische Musik fasziniert durch eine weitaus größere melodische Variabilität, zu der auch Viertelstonschritte gehören. Deshalb gibt es meines Wissens über 70 verschiedene Tonleitern. Bei uns nur 7, davon heutzutage nur zwei dominant: äolisch bzw. dorisch = Moll und ionisch = Dur.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


4 × vier =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>