In St. Andrew’s

Mein letzter Sonntag in Calcutta. So schnell rast die Zeit dahin. Und daher will ich heute, da ich frei habe, den Rat von Jörg Zimmer befolgen, den der mir hier im Blog gegeben hat: “Fahren Sie mal Straßenbahn! Nicht in den modernen, sondern in den uralten!”

Mach ich doch glatt. Wobei mir die Wahl nicht schwer fällt. In den fast vier Wochen, in denen ich nun hier bin, habe ich keine einzige neue gesehen. Also nehme ich gleich die erste, die am Ballygunge Phari in der Nähe meines Gästehauses auf mich zurattert.

Der Schaffner will wissen, wohin ich möchte. Zumindest schließe ich das aus seinen bengalischen Worten, die er mir zuruft, nachdem  ich fast unter Lebensgefahr über die  dreispurige Fahrbahn, die manchmal fünfspurig befahren wird, im Zickzack zwischen Autos gerannt und in den zweiten Wagen gehechtet bin. Für den ersten war ich wohl nicht mutig genug. Mir wird klar, warum die Straßenbahnlinien auf dieser Linie immer so spärlich besetzt sind: Es erfordert schon eine gewisse Portion Courage, da hineinzukommen. Denn die Gleise verlaufen nicht etwa am Gehweg, sondern am Mittelstreifen einer insgesamt sechsspurigen Aus- und Einfallstraße aus und in den Süden Calcuttas.

Und schreien muß der gute Herr Schaffner schon. Denn es rumpelt und pumpelt und knarzt und knauzt und rattert und knattert in diesen alten Waggons so sehr, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Paaren, die sich nichts mehr zu sagen haben, sei daher ein Straßenbahn-Urlaub in Kolkata wärmstens empfohlen. Da kann man gar nicht miteinander reden. Selbst, wenn man es wollte.

Irgendwann versteht mein Freund, der die Fahrkarten für die Calcutta Tram Company (CTC) verkauft, dass es mir Wurst ist, wohin ich fahre. Er soll mich einfach bei der Endstation rausschmeißen. Er nickt und strahlt: “BBD Bag!” Ich weiß zwar nicht, wo das ist, aber egal!

BBD Bag stellt sich als altes Zentrum des britischen Calcutta heraus. Ein weitläufiger Platz, in der Mitte ein Teich, auf dem munter jeden Menge Plastik schwimmt und dessen Wasserqualität  ich nicht unbedingt die höchste Qualitätsstufe zuerkennen würde – und dennoch sehe ich eine Hütte des Anglervereins am Ufer. Na denn, guten Appetit!

Am nordwestlichen Rand des Teiches erhebt sich aber in strahlendem Weiß eine Kirche – mit dem Hahn auf der Turmspitze. Eigentlich will ich sie nur fotografieren, dann sehe ich, daß die Türe offen ist – und will auf jeden Fall reingehen. Hätte ich ja in Nürtingen am Sonntag auch getan.

Von Schotten errichtet: Die St. Andrew's Kirk im Herzen von Calcutta

Ich gehe durchs Portal. Im Vorraum sitzt ein freundlicher Herr, der mir in Zeichensprache bedeutet, daß gerade Gottesdienst ist, und strahlt, als ich meine Kamera wegpacke und ihm verständlich mache, daß ich dennoch (oder gerade deswegen) hineinmöchte.

Der Innenraum erinnert mich an eine calvinistische Kirche. Alles weiß. Kein einziges Bild. Schotten haben sie 1818 erbaut – sehr zum Missfallen der anglikanischen Gemeinschaft  übrigens. Heute ist das Gotteshaus Heimat der Gemeinde der Church of North India in Calcutta – eines Zusammenschlusses von sechs protestantischen Richtungen. Wenn ich richtig verstehe, nicht zuletzt von Baptisten und Methodisten geprägt.

Die Gemeinde singt gerade, als ich die Kirche betrete. Ich fühl mich gleich wohl, denn das Lied kenn ich irgendwo her. Aber ich komm nicht drauf, wie es heißt. Rechts vorne in der sechsten Reihe ist noch ein Platz frei. Der ältere Herr neben mir hält sein Gesangbuch zu mir hin. Nur kann ich damit nichts anfangen. Die schwarzen Zeichen auf weißem Papier sagen mir gar nichts. Und die Sprache ist auch nicht Bengali. Aber das Lied, das Lied, wie heißt nur das Lied? Ich nehme mir vor, daheim unsere Kantorin Angelika Rau-Culo zu fragen, sofern ich mir die Melodie so lang merken kann. Und dann abends, als ich mit der Auto-Rikscha wieder gen Ballygunge düse, fällt es mir unvermittelt doch noch ein: “Welch ein Freund ist unser Jesus!”

Gebetet wird viel in diesem Gottesdienst, und so manches Gebet ist länger als eine  katholische Predigt in Mitteleuropa. Ich verstehe zwar immer noch nichts, aber das stört mich eigentlich nicht. Ich fühl mich dennoch hier zuhause. Und mir fällt auf, wie jung diese Gemeinde hier ist. Während ich in St. Laurentius wohl fast noch zum jüngeren Drittel zähle, könnte ich hier fast der Alterspräsident sein. Die meisten sind so zwischen 20 und 30.

Bei den Lesungen wird – ich vermute mal, weil man mich gesehen hat – die Bibelstelle auf Englisch angesagt, aber der Rest bleibt nach wie  vor unverständlich. Und so genieße ich einfach den Sprachrhythmus, der mir vertraut ist, auch wenn ich die Worte für mich ein Rätsel bleiben. Und ich merke sehr wohl, wann das Vaterunser gesprochen wird. Ich bete es auf Deutsch, die anderen auf Nepali.

Denn das ist, wie mir nachher erklärt wird, die Sprache des Gottesdienstes. Um 9.30 Uhr wird auf Englisch gesungen, gebetet und gepredigt. Aber viele Christen in Calcutta stammen aus der Region Darjeeling und sind zum Arbeiten oder Studieren in die Metropole West-Bengalens gezogen. Und sie feiern in ihrer Heimatsprache.

Ein (ebenfalls sehr langes) Gebet wird dann zum Schluss doch noch in Englisch gesprochen. Man bittet für Mitglieder der Gemeinde, aber auch für Indien. Man ruft Gott sogar an, der Korruption auf dem Subkontinent ein Ende zu bereiten (in den letzten Tagen wird mir immer klarer, wie sehr die Mnschen dieses Thema umtreibt). Und man dankt dafür, daß man hier in Calcutta anders als anderswo seinen christlichen Glauben frei, offen und ohne Angst leben könne. Als ich mich nachher erkundige, sagt man mir, dass in vier Bundesstaaten, die von der Ultra-Hindu-Partei BJP regiert werden, ein Anti-Konvertierungs-Gesetz erlassen wurde. Kein Hindu darf dort seinen Glauben wechseln, weder in Richtung Christentum, noch in Richtung Islam. Für mich ist das eine wichtige Ergänzung zum Bild des angeblich so toleranten Indien, das im Westen von vielen gepflegt wird.

Dass jemand eine ganze Stunde mit ihnen verbringt, ohne dass er ein Wort versteht, das freut die Menschen hier in der St. Andrew’s Kirk. Nach dem Amen zum Segen kommt sofort jemand her: “Du musst unbedingt noch mit hoch kommen. Da gibt es Tee!” Und so werde ich in die Gemeinschaft hineingenommen und erlebe die Calcutta-Variante des Kirchenkaffees. Da erfahre ich dann, daß der Priester heute woanders hin musste und daher der Gottesdienst von Laien zelebriert wurde. Und sie verraten mir sogar, wie hoch das Opfer war: “Etwas mehr als 3000 Rupien.” Ungefähr 50 Euro. “Das ist gut”, sagt mir einer der Kirchenältesten: “Unsere Mitglieder gehören zur unteren Mittelklasse, so viel haben die nicht.” Und immerhin entspricht das ja in Calcutta einem Doppelzentner Reis.

Und eins ist dem herzliche Mann auch noch wichtig, als er mir die Hand zum Abschied reicht: “Es kommt auch nicht nur aufs Geld an. Sondern aufs Gemeindeleben. Und das ist sehr reich bei uns.”

Nch diesen eineinhalb Stunden in der St. Andrew’s Kirk hab ich nicht den geringsten Zweifel daran. Und vielleicht sollte man sich das auch in unserer manchmal so verzagten Württembergischen Landeskirche wieder mehr ins Bewusstsein rufen.

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2 Responses to In St. Andrew’s

  1. Martin sagt:

    Danke, lieber Jürgen , für die Einblicke und Deutungen

  2. Dieter Krug sagt:

    Sehr geehrter, lieber Herr Gerrmann,

    vielen Dank, dass Sie mich auch in Ihren Verteiler aufgenommen haben. Verfolge Ihre
    Beiträge – wann immer es meine Zeit zulässt – mit großem Interesse. Heute Vormittag
    fand ich den “Kampf mit der Bengalischen Trommel gegen das Elend ” sehr eindrucksvoll.
    Viele Grüße verbunden mit den besten Wünschen aus einem sonnigen Esslingen
    sendet
    Dieter Krug

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