“50 Jahre deutscher Rundfunk” – diese Schallplatte habe ich mir 1973 gekauft. Einer der faszinierendsten Stücke drauf: “Nobelpreisträger Rabindranath Tagore rezitiert ein Gedicht.” Man mag es kaum glauben: So was kam damals tatsächlich im Radio. Und zwar zur besten Sendezeit. Deutschlandweit. Und nicht versteckt in Nischensendern wie SWR2 Kultur.
Damals hab ich (wie wohl alle Zuhörer) nichts verstanden. Denn Tagore sprach Bengalisch. Nur der Rhythmus und die Melodie der Sprache haben mich schon vor fast 40 Jahren fasziniert. Komisch: Gleich an meinem ersten Abend in Calcutta bin ich diesem Klang und diesem Poeten wieder begegnet.
“Rabindranath Tagore und sein deutscher Verleger Kurt Wolff”, heißt der Titel des Abends im Goethe-Institut, an dem unter anderem die Beziehung des Pharmaunternehmens Merck mit der Literatur im allgemeinen und Rabindranath Tagore deutlich gemacht werden soll. Kurt Wolff war nämlich der Opa des Vorstandsvorsitzenden der Merck KG, Jon Baumhauer. Und der ist an diesem Abend ebenso anwesend wie Karl-Ludwig Kley, der Vorsitzende der Geschäftsführung. Und daher sind auch rund ein Fünftel der Plätze im Auditorium für (überwiegend indische) Mitarbeiter von Merck reserviert. “Merck ist eine der bekanntesten deutschen Familien in Indien”, sagt denn auch Martin Wälde, der Leiter der Goethe-Instituts hier, zur Begrüßung. Schon 1895 habe Merck eine Fabrik in Calcutta eröffnet.
Kley wiederum wartet gleich zu Beginn mit einem Bonbon auf: Sein Unternehmen habe den Merck-Tagore-Preis gestiftet, der künftig alle zwei Jahre an Menschen verliehen werden soll, die sich um den deutsch-indischen Kulturaustausch verdient gemacht haben. Und er verrät ein Geheimnis: Erster Preisträger wird Tagore-Intim-Kenner Dr. Martin Kämpchen sein, der auch den Vortrag des Abends hält. Zuvor aber erinnert Baumhauer an seinen Großvater, der unbedingt verleger werden wollte (was ihm ja dann auch höchst erfolgreich gelang) und das Glück hatte, dass ihm ein Freund aus London, der Tagore den Briten nahebrachte, den Bengalen empfahl. Kurz nach Erscheinen von Wolffs deutscher Ausgabe erhielt der Mann aus Indien dann den Nobelpreis. Rainer Maria Rilke hatte es übrigens abgelehnt, Tagores Texte ins Deutsche zu übertragen. Er befürchtete, er könne den Nuancen dieser Poesie nicht gerecht werden. Das übernahm dann Wolffs Frau Elisabeth, eine geborene Merck. Und wie!
Bis Mitte der 20er-Jahre übersetzte sie dann sofort jedes Buch, das in Großbritannien erschien, ins Deutsche, erzählt daraufhin Kämpchen. Tagores Naturnähe und Romantik hätten den Zeitgeist von damals wohl punktgenau getroffen. Dessen Deutschland-Besuch von 1921 sei zum Triumphzug geworden, auch Wolff sei bei der persönlichen Begegnung von der Ausstrahlung des bengalischen Poeten zutiefst beeindruckt gewesen.
Die Inflation von 1923 machte Tagores Bücher sogar zur Wertanlage: Eine Million davon wurden bis Ende dieses Jahres verkauft. Nach den Schrecken der Geldentwertung nahm in der Weimarer Republik die Begeisterung für den Fernen Osten indes rapide ab. Als “Friedensdichter” war Tagore, der Deutschland noch weitere zweimal besuchte (1926 und 1930), dereinst verehrt worden. Nun gewannen andere Töne die Oberhand. Martialische.
Für Wolff wiederum scheint er die verlegerische Liebe seines Lebens gewesen zu sein: Nach ihm brachte er (abgesehen von Buddha-Weisheiten) nie mehr ein spirituelles Buch heraus.
Peter Rauscher hat übrigens in diesem Blog auch einen Text von Carl von Ossietzky gepostet, der den Wirbel um Tagore und dessen “Missbrauch” durch manche in Deutschland kritisiert, gepostet. Auch ihm lohnt es sich (als Ergänzung) zu lesen.
Aber im Goethe-Institut kann man Tagore auch hören. Er war nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Komponist eindrucksvoll meditativer Musik. 13 Lieder hat er während seiner DeutschlandTour 1926 geschrieben, sieben davon singt-Promita Mallick, eine Folklore-Sängerin, die in Bengalen jeder kennt, nach den Reden. Eins aus jeder Stadt, in der er komponiert hat. Eins aus Hamburg. Eins aus München. Eins aus Nürnberg. Eins aus Köln. Eins aus Düsseldorf. Eins aus Berlin. Und eins aus Stuttgart. Das im September 1926 entstandeneLied aus dem Schwabenland handelt von einem alten Mann, dessen Leben zu Ende geht und der seiner großen Liebe für alles Schöne dankt. Wobei bei Tagore nie ganz klar sei, ob er mit der “großen Liebe” nun eine schöne Frau oder Gott meint, sagt mir eine pensionierte Lehrerin bei der abschließenden Garten-Party (ja, auch das kann man im Januar in Calcutta machen).
Und da der gute Rabindranath ein großer Naturfreund war, kommt mir der Gedanke in den Sinn, ob er während seines Stuttgart-Aufenthalts auch mal den Hohenneuffen gesehen oder gar besucht hat. Vielleicht sollte Axel Vetter seine alten Gästebücher nochmals wälzen. Und im September 1926 nachschlagen.
Lieber Herr Gerrmann,
!
freut mich zu lesen, dass Sie gut angekommen sind
Herzliche Grüße nach Indien!
Lena Juknevicius
Hallo Jürgen,
dein Blog tut gut, weil er den Blick in ein fernes Land öffnet, weit weg von bloßen touristischen Betrachtungen und weil er mir auch einen Blick zurück ermöglicht. Ich habe mir nämlich überlegt, woher kommt eigentlich mein Interesse an Rabindranath Tagore? In meiner Kinder- und Jugendzeit lasen wir Texte von Heine, Brecht aber auch Texte der amerikanischen Literatur, wir hörten und sangen Lieder der Arbeiterbewegung und deutsche und amerikanische Protestsongs. In einem der Lieder gab es eine Textstelle in der Rabindranath Tagore vorkam. Es war der Song „Gesang der Edellatscher“ (Text und bekannte Interpretation: Erich Weinert) aus den 20 Jahren. Dieser Text findet sich am Ende dieses Posts. Er setzt sich kritisch mit dem Tagore-Rummel auseinander. Tagore war u.a. auf seiner Deutschlandreise auf der Burg Waldeck, eingeladen von den Nerother Wandervögeln. Dies Jugendorganisation stammt aus der bündischen Jugend und der Wandervogelbewegung, die sich gegen das bürgerliche Leben stellte und ihre Zukunft in der Natur sah. Später glitt diese Gruppe ab in das nationalistische Lager. Die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck organisierte dann von 1964 bis 1969 das erste Open-air-Festspiel das Festival Chanson Folklore International auf dieser Burg. Hauptorgansiator war der leider jung verstorbene Peter Roland, er stammte aus Göppingen. Dies war für uns ein Höhepunkt des Jahres zu Pfingsten dieses Festivals zu besuchen. Gestört wurde dieses bedeutende Festival massiv von den Mitbesitzern der Burg, eben diesen Nerothern.
Zurück zum Text: Da ich nicht wusste, was Rabindanath Tagore bedeutet, ob es nur ein Spruch ist oder ein Mensch, habe ich begonnen mich mit diesem zu beshcäftigen und damit auch mit Indien und der Beziehung Indien-Deutschland.
Ein zweiter Bezugspunkt gab es für mich dann erst wieder in den 70er Jahren. Ich schrieb einen Brief an den Schriftsteller Stefan Heym (der dieses Jahr 100 Jahre alt wird), dieser lebte in der DDR. Da ich seine Adresse nicht kannte, schrieb ich auf den Briefumschlag „Stefan Heym, Schriftsteller, Berlin (DDR)“.Der Brief kam an, ich korrespondierte mit ihm und bekam seine Anschrift, sie lautete: Stefan Heym, Rabindranath-Tagore- Straße“. Dies war wiederum für mich Anlass mich mit diesem indischen Schriftsteller erneut zu beschäftigen.
Du siehst, lieber Jürgen, dass deine Text nicht nur Informationen über Indien beinhalten, sondern auch anregen sich mit sich selbst zu beschäftigen.
Lieber Grüße
Peter
Gesang der Edellatscher:
Text und bekannte Interpretation: Erich Weinert
Der Frühling braust; wir ziehen fürbaß
und zupfen unsere Geigen.
Wir hüpfen froh ins nasse Gras
und tanzen unsre Reigen.
Die Klampfe klirrt im Schritt und Tritt.
Die Kochgeschirre klirren mit.
Der Wald ist voll Akustik.
Wir sind so schrecklich lustig.
Und sitzen wir am Waldesrand,
dann schweigen unsre Klampfen,
dann lassen wir durchs stille Land
die Hafergrütze dampfen.
Die Maggisuppe duftet weit
in Wald und Bergeseinsamkeit.
Wie lustig schmort die Soße
in der Konservendose!
Und ist die Grütze aufgekaut,
dann wird in blau und rosa,
das Seelenleben aufgebaut,
teils lyrisch, teils in Prosa.
Hoch in den Wolken flieht der Blick.
Wir ziehen uns aus der Welt zurück
und sprechen leis im Chore
Rabindranath Tagore.
Wir fühlen uns nicht bürgerlich
und auch nicht proletarisch.
Wir wandeln auf dem Himmelsstrich
und leben literarisch.
Die schnöde Welt, wir hassen sie.
Nur abgeklärte Poesie
ist unsre Seelenspeise.
Wir sind so schrecklich weise.
Pfui Klassenkampf! Wie ordinär!
Wir kennen nicht Tarife.
Der Reichtum kommt von innen her
aus unsrer Seelentiefe.
Wer sich von innen her beschaut
und Nietzsche liest und Rüben kaut,
was kümmern den die andern?
Juchhu! Wir müssen wandern!