In letzter Minute

Es geht eben nichts über einen gesunden Nervenkitzel! Diesen Beitrag schreibe ich im Nachtzug von New Jalpaiguri (oder ganz kurz NJP, wie die Inder sagen) nach Calcutta. Seit 28 Minuten rollt er. Das muss extra erwähnt werden, denn lange Zeit sah es gar nicht so aus, als würde ich das schaffen. Und das, obwohl ich ein dickes Sicherheitspolster eingebaut hatte.

Um 8 Uhr abends verlässt der Postexpress den Bahnhof von NJP. Da muss es doch dicke reichen, wenn ich das Share-Taxi um 1 mittags nehme. Immerhin sind es gerade mal 113 Kilometer von Sikkims Hauptstadt Gangtok dorthin, und ich mache mir schon Gedanken, wie ich an einen Tipp für ein schönes Lokal mit heimischer Küche komme, wo ich noch mein Nachtmahl zu mir nehmen kann, bevor ich in den Zug steige.

Den Morgen hab ich also noch frei. Ich bekomme mein Frühstück aufs Zimmer serviert, denn das Restaurant im Hotel Tibet hat heute geschlossen. Den Grund dafür bekomme ich quasi auf dem Tablett serviert: Tibetische Neujahrskekse sowie eine Brühe, die ich nicht so recht einordnen kann. “Das ist wie tibetisches Bier”, sagt mir der Kellner: “Das müssen Sie an Neujahr einfach probieren.” Und das um kurz nach 9! Ich tu ihm dennoch den Gefallen. Wie Bier schmeckte es zwar nicht, aber gar nicht so übel. Der Herr Ober freut sich auf jeden Fall über das Lob.

Ich packe meine Sachen und entschließe mich, noch dem Zoo einen Besuch abzustatten. Ein Gemälde tags zuvor beim Mittagessen mit Sundip in Namchi hat mir richtig Lust drauf gemacht. Bis dahin wußte ich nämlich noch gar nicht, daß es auch einen roten Panda gibt. Und der soll dort in Gangtok zu sehen sein.

Da schait auch der Kuschelbär im Taxi: Tibeter demonstrieren zu Neujahr in Gangtok.

Der Taxifahrer verlangt zwar aus meiner Sicht unverschämt viel (250 Rupien oder 4 Euro oder sechs Kilo Reis für zwei Stunden), aber was soll ich machen? Zudem dachte ich eigentlich, daß der Zoo in der Stadt Gangtok sein muss. Aber es geht Serpentinen um Serpentinen bergauf, einmal mehr wird das Hochfest der Schlaglöcher gefeiert – und dan bremst uns auch noch ein Demonstrationszug aus. Etwa 1000 Tibeter protestieren zu Neujahr gegen die Unterdrückung ihrer Landsleute durch China: “Free Tibet!” Aus Solidarität warte ich natürlich gerne.

Die Kurven-Orgie danach scheint kein Ende zu nehmen, und als wir endlich im Zoo angekommen sind, bleibt im Grunde nur noch eine halbe Stunde. Also heißt es: Im Schweinsgalopp durch den Tiergarten! Gottseidank habe ich ein gutes Orientierungsvermögen und weiß zudem genau, was ich sehen will. Meine Erfahrung aus den Tiroler Bergen hilft mir zudem, die 150 Höhenmeter bis zum Schneeleoparden zügig zu überwinden.

Und da liegt er doch tatsächlich vor mir. Ich muss an das Gespräch ein paar Tage zuvor im Öko-Tourismus-Dorf von Tinchuley denken. “Ein Leopard ist nicht zu vergleichen mit einem bengalischen Tiger”, haben mir Dipendra Gurung und seine beiden Onkel  da gesagt: “Ein Tiger frisst auch Menschen. Der Leopard ist aber nicht mehr als eine größere Katze.” Naja, ganz kann ich das nicht glauben. Aber die drei sind ja Gorkha und damit Angehörige eines Kriegervolkes. Denen macht so schnell nichts Angst.

Ein Super-Model: der Schnee-Leopard.

Ich aber gehe schon ein paar Schritte zurück, als sich die große Katze schnell und geschmeidig auf mich zubewegt. Obwohl ich hinter dem Zaun ja eigentlich sicher bin. Doch was ich dann erlebe, bestätigt, die Gorkha-Theorie: Der Leopard schnurrt und reibt sein Haupt dann genauso wohlig auf dem Boden und an einem Pfosten wie früher mein Mohrle und jetzt die Lina. Und dann wirft der Herr oder die Dame (so genau kann ich das auf die Schnelle nicht feststellen) sich auch noch traumhaft in Positur. Ein Super-Model!

Das kann man vom roten Panda nicht gerade behaupten, der ein paar Mezer tiefer in einem Riesen-Gehege träge auf einem hohen Baumstumpf direkt in der Mitte hockt. Da muss das Zoom der Kamera schon alles geben, damit ich auch noch ein bissle davon festhalten kann. Aber immerhin: Aus der Ferne habe ich ihn mal gesehen.

Da ist er doch noch: der rote Panda!

Meine Jogging-Tour auf 2200 Meter Höhe geht wieder in Richtung Parkplatz. Ich bin zehn Minuten vor der Zeit da, also kann ich noch zu den Vögeln, die sich hier in der Natur erstaunlich rar machen. Silber- und Goldfasan defilieren vor mir, und dann höre ich aus einem Gehege um die Ecke komische Laute. Ich sehe nach und vor mir steht – ein roter Panda! Sein Pfleger, ein freundlicher Nepali, lockt ihn mit Futter auch dorthin, wo ich einigermaßen durch den Zaun fotografien kann. Einfach Klasse!

Von diesem Erfolgserlebnis beflügelt lasse ich mich 600 Höhenmeter nach unten zum Taxi-Stand bringen. Ich sitze hinten rechts. Scheint mein Stammplatz in den Bergen zu  sein, irgendwie haben sich die Taxifahrer da abgesprochen. Drei junge Leute quetschen sich neben mich, aber diesmal sind wir nur zu neunt – und nicht 21 wie auf der Hinfahrt. Da kommt man sich ja richtig einsam vor!

So ein Pech: Plattfuß nach 20 Kilometern.

Gut gelaunt geht es nun zu Tale. Aber schon nach 20 Minuten kommt der erste unfreiwillige Halt. Es rumpelt und pumpelt unter mir, wir müssen links ran. Klare Sache. der Reifen unter mir hat den Geist aufgegeben. Ich denke mir noch nicht viel dabei, wundere mich eher, wie schnell man hier mit einfachsten Mittel einen Reifenwechsel direkt an der Hauptverkehrader zustande bringt.

Auch die Grenzformalitäten gehen schnell. Ich muß meine Sondergenehmigung wieder abgeben und im Pass eine Unterschrift eintragen lassen. Die anderen brauchen nicht lange zu warten.

Schon ein paar Meter weiter in West-Bengalen, auf der anderen Seite des Teesta, ändert sich das. Wir stehen fast eine Stunde und erkennen den Grund erst später: Die marode Straße wird asphaltiert. Mit vorsintflutlichen Geräten. Oder zumindest solchen, die aus der britischen Kolonialzeit stammen. Und deswegen hat die Polizei den Verkehr erst einmal in beide Richtungen dicht gemacht.

Nun haben wir schon ganz schön Zeit auf der Piste gelassen. Umso mehr wundert es mich, daß der Mann am Steuer zwar zuerst tüchtig Gas gibt, nach 20 Minuten aber an einer Straßenküche anhält und eine Pause ausruft. Für die anderen ist das offensichtlich völlig normal. Sie nehmen auch noch in aller Ruhe etwas zu sich, während ich im Dorf auf und ab gehe und den Blick kaum von der Uhr wenden kann.

“Mach Dir keine Sorgen”, sagt der Mann vor mir. Wie sich herausstellt, ein früherer internationaler Fußball-Schiedsrichter (doch davon später). Deswegen glaube auch seinem: “Das reicht noch dicke!”

Wir unterhalten uns blendend. Bis wieder ein verhängnisvolles Geräusch an unsere Ohren dringt. Wieder direkt unter mir. Wieder ein Platter. Ob das an mir liegt? “Oh je, wir haben ein Problem”, raunt mir der junge Lepcha, der zuhause in Sikkim zu Besuch war und zurück nach Calcutta zum Studieren will, zu: “Meinen Bus nach Kolkata, den kann ich jetzt vergessen.” Und auch mir schwant Übles.

Kampf gegen den zweiten Plattfuß.

Doch wähend ich die Situation als ziemlich hoffnungslos einschätze, erlebe ich in der Dunkelkeit die positive Seite Indiens. Es dauert keine zehn Minuten, bis ein anderer Jeep anhält und uns bereitwillig sein Ersatzrad überlässt. Unser Fahrer soll ihm halt an beider Ziel, dem Taxi-Stand von Siliguri, wieder eins zurückgeben. Das bedeutet wieder Zeitverlust, auch wenn ich wieder über die Geschwindigkeit des Radwechsels staune. Die Jungs hier hätten Talent für die Formel 1. Eine Viertelstunde später machen wir an der nächsten Werkstatt halt. Bisher habe ich mich immer gewundert, warum es in Indien so viele Reifen-Services gibt. Seit heute frage ich mich nicht mehr, warum dem so ist.

De Zeit verrinnt unerbittlich. Doch nun lerne ich auch die Flexibilität der Inder kennen. Der Schiri vor mir legt sich für einen jungen Maschinenbauingenieur, der auch nach Calcutta zur Arbeit muß, und mich ins Zeug. Er und der Fahrer finden eine Lösung. auf einem Markt ein paar Kilometer außerhalb von Siliguri werden sie uns absetzen. Von dort geht es dann mit der Auto-Rikscha weiter.

So gut wir uns unterhalten haben, so hektisch muss nun der Abschied sein. Es reicht gerade mal zum Austausch der Visitenkarten (das ist in Indien offensichtlich Ritual und muss ganz einfach sein), alle legen Hand an, um das Gepäck vom Dach des Jeep in das überdachte Dreirad zu hieven, und dann beginnt der große Wettlauf mit der Uhr. “Tuk Tuk” gegen “Tick Tack, Tick, Tack”. Der Blutdruck steigt, der Puls wird schneller – aber am Ende siegt Tuktuk gegen Ticktack. Wir haben es geschafft. In letzter Minute.

Und ich bin um ein indisches Erlebnis reicher.

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Völkerkunde beim Thungba

Ein Hauch von Al Capone wehte durch den Nebel vom Sikkim: Mein zweiter Ausflug im kleinen indischen Bundesstaat an der Grenze zu China führt mich nach Namchi. Erneut zu (erstaunlich neuen) buddhistischen oder hinduistischen Heiligtümern, aber auch durch herrliche Wälder und einen riesigen Teegarten.

Drei Stunden dauerte die Fahrt durch Dunst und Nebel, der Kanchenzunga gab sich erneut nicht die Ehre. Sundip Rai, der 25jährige Christ am Steuer, hat tapfer durchgehalten und wußte bestens über die Details der Klöster und Tempel Bescheid, setzte aber nie einen Fuß in deren inneren Bezirk, wo man die Schuhe ausziehen muss. Er wartete lieber draußen, bis ich wieder zurückkam.

Auf dem Rückweg vom “hohen Himmel” (so heißt Namchi, das auf 1625 Metern liegt  und etwas mehr Einwohner als Aichtal hat, übersetzt)  kommen wir durch ein kleines Dorf. Zehn Häuser. Davon fünf mit Läden. “Hast Du schon mal Bambuswein getrunken”, fragt Sundip mich. Ich schüttle den Kopf. “Den mußt Du probieren, warte mal!”

Und jetzt wird es konspirativ. Wie zur Zeiten der Prohibition in Amerika, als die Mafia große Geschäfte machte. Sundip fragt ein Mädchen, das am Eingang eines der Läden steht, etwas auf Nepali. Das schüttelt ganz erschrocken den Kopf. Bei einem jungen Mann hat er mehr Glück. Der zwinkert mit dem linken  Auge und deutet auf den Laden gegenüber.

Mein Fahrer steigt aus dem Wagen und flüstert dort einer jungen Frau was ins Ohr. Sie nickt und winkt uns in die kleine Bude, schickt ihre kleine Schwester nach hinten – wohl um bei der Mutter was zu holen.

Etwa fünf Minuten später steht ein erstaunliches Gebräu vor mir. In einem Plastikbecher befindet sich eine Masse, die ich nicht so recht einordnen kann. Drei junge Einheimische betreten den Laden und grinsen breit, als sie mich am roten Plastiktisch sitzen sehen. Und sie recken den Daumen nach oben.

Während die junge Wirtin mir heißes Wasser auf das rot-violette Etwas gießt und sagt, ich müsse nun etwa fünf Minuten warten, bis die Sache zu gären anfange, erklären sie mir, dass vor mir “Thungba” steht. Ihr  Nationalgetränk. Sie nennen es sogar “tribal drink”. Stammesgetränk.

Die Maische besteht offensichtlich aus jungen Bambusblätter und Hirse, und langsam fängt sie zu blubbern an. Jetzt darf ich den Strohhalm ansetzen. Die Jungs aus Sikkim machen es spiegelverkehrt. Sie greifen zu Westlich-Hochprozentigem:  Whisky. Und zwar so, wie es J.R. und Sue Ellen dereinst in Dallas alle Ehre gemacht hätte. Bei den Buddhisten gibt es offensichtlich kein generelles Alkoholverbot. Mir kommt in den Sinn, was Dipendra Gurung, in dessen Öko-Tourismusprojekt im Darjeeling ich übernachtet habe, mir zwei Tage zuvor sagte: “Wir Gorkha hier sind Krieger. Wir trinken gerne. Aber dann arbeiten wir auch wieder hart.”

Konspiratives Treffen mit Bambus-Hirse-Wein (im Vordergrund): Thungba-Trinken ist in Sikkim anscheinend nicht ganz legal

Man bedeutet mir, dass der Thumba-Ausschank hier nicht gerade legal ist – ohne dass ich allerdings dahinter komme, warum. Auf jeden Fall besteht einer der Jungs darauf, beim Erinnerungsfoto das Tuch, das hier viele gegen den Smog über dem Mund tragen, hochzuziehen. Ob er wirklich fürchtet, per Internet gefasst zu werden? Sei’s drum. Es sieht auf jeden Fall spektakulärer aus.

Und während Frau Wirtin heißes Wasser nachgießt und damit eine Art Bambus-Hirse-Glühwein zaubert, bekomme ich einen Crashkurs in Sachen Völkerkunde. In Sikkim sind “die Inder” nämlich in der Minderzahl. Die Mehrzahl stellen die Bergvölker.

Der Wortführer der drei ist Nepali (was mir noch am ehesten ein Begriff ist). Seine beiden Kumpels gehören zu den Lepcha, die als Ureinwohner Sikkims gelten – ohne dass man weiß, woher sie denn kamen (Tibet gilt als die wahrscheinlichste Variante). Und Frau Wirtin zählt zu den Bhutia mit Wurzeln in Bhutan. Die Dinge sind eben oft viel differenzierter als man denkt.

Aber nun müssen wir wieder aufbrechen. Sonst kommen wir zu sehr in die Nacht hinein. Sundip (übrigens ein Bengale) drückt mir noch ein Blatt in die Hand, das mit Kardamom und einigen Holzstücken gefüllt ist und  auf dem ich herumkauen soll. “Danach ist der Alkohol weg”, sagt er: “Außerdem gibt es frischen Atem.” Wie sich herausstellt, ist beides  leicht übertrieben. Aber auch das muss man mal probiert werden.

Die Fahrt zieht sich und zieht sich. Kurve reiht sich an Kurve. Und dann wird Sundip plötzlich ganz persönlich: “Weißt Du, vor einem Jahr war ich sehr traurig. Da ist unser erstes Kind gleich am ersten Tag gestorben. Aber jetzt bin ich glücklich. Meine Frau ist wieder schwanger, und in vier Monaten kommt unser zweites Baby!”

Ob es da nach der Taufe Thungba gibt, weiß ich nicht. Aber daß mir ein 25-jähriger, den ich noch vor Stunden gar nicht kannte, auf einem Bergpass im Himalaya plötzlich sein Herz ausschüttet, das berührt mich schon sehr. Und es zeigt mir die Kraft des Gesprächs von Mensch zu Mensch. Ob mit Thungba oder ohne.

PS: In einer früheren Version des Artikels war noch von “Thumba” die Rede. Mein Freund und Experte Basav Bjattacharya aufgeklärt, was korrekt ist: Thungba.

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Nebel über Sikkim

Warum hatte ich mir doch gleich diesen Ausflug nach Sikkim vorgenommen? Achja, ich erinnere mich dunkel: Ich wollte die Gipfel des Himalaya sehen. Doch der zickt herum. Vermutlich ist er eingeschnappt, weil er weiß, welch großer Fan der Alpen ich bin. Also verbirgt er sich, seit ich hier bin. Schon beleidigt! Und ich genieße auf meiner Rundfahrt in und um Gangtok vor allen eins: den Ausblick auf den Nebel.

Mein Taxifahrer, der zudem als Stadtführer fungiert (wobei sich diese Eigenschaft darauf beschränkt, daß er mir sagt, wo ich nun hinlaufen soll), ist unerschütterlich, wenn es gilt, das Programm abzuspulen. An der ersten Station, den Wasserfällen von Bakthang, ist zumindest noch ein bißle was zu erkennen. Was mich in der Nebelsuppe richtig freut, obgleich für mich die Uracher Wasserfälle wesentlich spektakulärer sind. Aber auf der anderen Seite zeigt es ja auch, welch hohen Rang in Indien Wasser genießt.

Hinter dem Pavillon: Herrlicher Ausblick auf Indiens höchsten Berg (sofern es nicht gerade Nebel hat).

An der dritten Station fühle ich mich indes gewaltig an die Hoch-Zeit des absurden Theaters erinnert. Der junge Mann, erklärter Fan von Manchester United, fährt mich doch tatsächlich zum Tashi-Aussichtspunkt. Von der Straße muß ich noch etwa 30 Höhenmeter überwinden und sehe dann – absolut nichts!

Aber immerhin weiß ich nun, dass ich hinter dem Pavillon Indiens höchsten Berg, den Kangchendzönga (mit 8598 Metern die Nummer 3 auf der Welt) sehen könnte, wenn ich ihn denn sehen könnte. Sehr interessant! Aber Bewegung tut ja auch im Nebel gut.

Zeremonie im Gansong Kloster

Dazwischen lag aber ein echter Höhepunkt: Schon auf dem Fußweg zum Gansong Kloster bewundere ich die Malereien an der Mauer. Vor der großen Halle weiß ich nicht so recht, ob ich rein darf. Ich verständige mich per Handzeichen mit einem jungen Klosterschüler, der denn anderen gerade Tee bringen will, er nickt mir freundlich zu, ich ziehe meine Schuhe aus (das hab ich angesichts der vielen Sandalen vor der Tür schon begriffen), gehe hinein – und befinde mich mitten in einer Zeremonie. Eine Trommel wird geschlagen, gewaltige Blasinstrumente ertönen und zugleich rezitieren Mönche und ihr Nachwuchs uralte heilige Texte.

Ich bin unsicher und weiß nicht, ob ich nun fotografieren darf oder nicht. Aber alle sehen  die Kamerain meiner Hand, alle schauen mich interessiert an, aber keiner schüttelt den Kopf. Also drücke ich einfach diskret ab. Mein Stadtführer sagt mir nachher, daß das vermutlich strikt verboten gewesen sei. Er könnte recht haben. In den anderen Klöstern, die ich an diesem Tag besuche, finden sich auf jeden Fall deutliche Verbotsschildern.

Orchideenpracht im botanischen Garten von Gangtok.

Nun geht es aber erstmal über Ganeshtok (einen Hindu-Tempel) zum botanischen Garten in der Nähe des einstigen Königspalastes (den man nicht besichtigen kann, weil immer noch die Familie des von den Indern abgesetzten Monarchen drin wohnt). Draußen sieht man nun in fast 2000 Meter Höhe natürlich nicht viel, aber in einer Halle weckt ein Meer aus Orchideen und Primeln durchaus Frühlingsgefühle.

Weiblicher Buddha-Darstellung im Kunsthandwerk-Museum von Gangtok.

Auch im staatlichen Zentrum für Kunsthandwerk stört der Nebel nicht groß. Und hier gerate ich erneut in Konflikt mit einem Fotografierverbot. Das ist zwar nirgends per Plakat kenntlich gemacht, aber eine resolute Aufseherin setzt es dennoch durch. Auch wenn ich da schon ein paar Aufnahmen gemacht habe. Auch da faszinieren mich die buddhistischen Malereien.

Von Bhutan nach Sikkim: buddhistischer Mönch.

Am Heiligtum von Dro-dul Chorten spricht mich danach ein Mönch an, dem aufgefallen ist, wie interessiert ich mich dort in der Nähe der Gebetsmühlen umsehe. Er kommt aus Bhutan, erzählt er mir, und ist seit einer Woche hierher umgezogen. Gerade hat er eine Stunde Pause, bevor die nächsten Zwei-Stunden-Meditation beginnt. Daß sich  jemand ganz alleine aus Deutschland nach Indien und speziell nach Sikkim traut, das kann er gar nicht fassen. Dreimal fragt er mich danach, bevor er sich fotografieren lässt. Das Bild gefällt ihm, aber er sagt auch: “Zeig es den anderen nicht!” Ob er das gar nicht gedurft hätte?

Viele Fragen zum Buddhismus beantwortet auch das Tibet-Museum nebenan. Hier spürt man, wie sehr die Buddhisten es schmerzt, dass eine uralte Kultur von der Weltmacht China so brutal unterdrückt wird. Das Gelände dafür hat Sikkims letzter König zur Verfügung gestellt, eingeweiht wurde es dann vom Ministerpräsidenten des Landes, das ebenfalls Gewalt anwendete, um sich das Königreich einzuverleiben: Indiens erstem Regierungschef Jawaharlal Nehru.

Rumtek: Sikkims bedeutendstes Kloster.

Die Wunde Tibet wird auch in Rumtek sichtbar, so prächtig das  reichste Kloster Sikkims auch sein mag. Denn es handelt sich dabei um einen Nachbau einer Anlage in Tibet. Der 16. “Schwarzhut-Lama”, einer der höchsten Würdenträger des tibetischen Buddhismus, dessen Asche nun in einem goldenen Heiligtum verehrt wird (um seine Nachfolge ist ein  heftiger Kampf entbrannt), hatte es nachbauen lassen, nachdem er 1959 mit 160 Mönchen und Laien im Gefolge vor den Chinesen über Bhutan nach Sikkim geflüchtet war.

Im “Natacha-Cafe” auf dem Klostergelände trinke ich dann noch einen tibetischen Buttertee. Der junge Mann, der ihn mir serviert, ist in Bhutan als Sohn von Exil-Tibetern geboren worden und vor sechs Jahren nach Sikkim gekommen: “Aber meine Heimat ist Tibet”, erzählt er mir stolz, als er mir erklärt, was ich da gerade zu mir nehme: Tee mit Salz und Yakbutter. Ihn wundert es, daß ein Europäer das probieren will, deswegen fragt er mich auch viermal, ob das mein Ernst ist.

In Tibet trinkt man dieses Gebräu (so übel ist es übrigens nach den ersten beiden Schlücken gar nicht), weil es nährt und optimal erwärmt. Das passt ja. Denn nun muss ich wieder hinaus in den Nebel und die klamme Kälte. Zum Taxi ist es ein Stück, denn das darf nicht aufs Klotergelände. Und dann geht’s wieder zurück nach Gangtok. Für 34 Kilometer brauchen wir eine Stunde.

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Der Ritt nach Gangtok

Nun bin ich wieder raus au dem Funkloch. Drei Tage war ich im Darjeeling abgetaucht, die Berichte darüber folgen peu a peu.

Nun will ich die Blog-Leser erst mal wieder auf den aktuellen Stand bringen.

Heute ist Sonntag. Mein letzter Sonntag in Indien, wie mir vorhin beim Abendesssen im Hotel Tibet in Gangtok ein- und aufgefallen ist. Kaum zu glauben, daß die sieben Wochen in und um Calcutta so schnell vorüber gegangen sind.

Gestern Nacht hab ich noch in einem 17-Häuser Dorf im Darjeeling (oder wie die Einheimischen sagen: “Gorkhaland”) geschlafen. Doch davon später. Heute mußte ich im Grunde nur 60 Kilometer weiter. Aber mit einstündigem Warten beim Taxi-Umsteigen  hab ich dazu mehr als sechs Stunden gebraucht. So schnell geht es in Indien eben nicht voran.

Aber dafür warten immer wieder ganz besondere Erlebnisse auf einen. Heute hatte ich zum Beispiel das erste Mal das Vergnügen, in einem Jeep einer von 21 Insassen zu sein. Doch halt! Das stimmt nicht ganz: einer saß ja auf dem Dach. Und einer stand auf dem Trittbrett an der geöffneten Hintertür. Fünf drängten sich im Kofferraum, fünf auf der Bank davor (darunter ich), nochmal eine Handvoll in der Reihe vor mir und vier dann am Armaturenbrett. Sinnigerweie hatte der Fahrer auf dem Schoß eines Mitreisenden Platz genommen. Schön gemütlich also!

So richtig gemütlich: zu 22 im Jeep (vorne rechts: der Fahrer).

Von Kalimpong, dem Verkehrsknotenpunkt im Darjeeling Richtung Norden, muss ich zwei Stunden lang einen wilden Ritt durchhalten. Zuvor war es geradezu luxuriös: Zwar ging es auch holterdipolter über miserable Straßen, aber von Tinchuley, wo ich in einem Ökotourismus-Projekt des WWF einen Tag lang herrlich ausspannen konnte, war ich ganz allein mit meinem Fahrer. Und der hatte während der ebenfalls zwei Stunden (für 34 Kilometer) auch Gelegenheit, mal anzuhalten und mir Sehenswürdigkeiten zu zeigen – zum Beispiel den Blick aufs ehemalige “Dreiländereck” Sikkim/Bhutan/Bengalen am Zusammenfluss zweier Flüsse, die von den Gletschern des Himalaya gespeist werden.

Aber auch der unbequemsten Tour kan man hier noch was abgewinnen. Zum Beispiel das Staunen darüber, was in Indien so alles noch als Hauptverkehrsader gilt – zum Beispiel eine Trasse, die von der Breite her der von Neckartailfingen nach Schlaitdorf ähnelt und die jene in puncto Schlaglöcher im Vergleich zu deren übelster Zeit noch mindestens um das Zehnfache übertrifft. Für wohligen Nervenkitzel sorgen Gefällstrecken, deren Neigung wohl jeder Achterbahn zur Ehre gereichen würde – gottlob sind die dann aber nur zwischen 10 und 20 Meter lang.

Ob das noch was wird? Eine Panne erfordert in Indien viel persönliches Knowhow.

Und manchmal geht es auch nicht weiter, weil ein liegengebliebenes Fahrzeug die Gegenfahrbahn blockiert und erstmal durch Schieben rückwärts und zur Seite rangiert werden muss. Unter der Motorhaube scheint da nachgerade eine Ölquelle zu sprudeln, von des Fahrers Armen tropft es ebenfalls. Den Kampf mit der Panne hat er bislang verloren, obwohl eine Menge Ratgeber um ihn herum Tips und Anweisungen geben. Ob er seion Vehikel bos zum Abend wieder flott bekommen hat.

In Rangpo muss ich den Jeep leider verlassen. Was werden meine Mitreisenden nur ohne mich machen? Denen wird sicher was fehlen, wenn sie nur noch zu 20 unterwegs sein müssen…

Warum ich ausgestiegen bin? Nun, zum ersten Mal, seit ich hier bin, verlasse ich West-Bengalen. Ich möchte nach Sikkim, das ein selbständiges Königreich war, bevor es vor 39 Jahren von Indien gewaltsam annektiert wurde. Nun ist es zwar einer von 27 Bundesstaaten dieses riesigen Landes, aber dennoch nicht so wie alle anderen: Man braucht nämlich als Ausländer eine spezielle Erlaubnis, es zu bereisen.

Dieses “Permit” muss ich mir erst an der einstigen Grenze am Fluss Teesta holen. Es ist zwar viel viel weniger aufwändig und viel viel viel schneller, als ehedem an der innerdeutschen Grenze, die Leute sind auch alle sehr freundlich. Ich brauche für den Passierschein auch keine fünf Passbilder, wie man mir in Calcutta sagte, sondern nur ein einziges. Und ich muß auch (entgegen der Auskünfte in West-Bengalens Metropole) keine 100 Rupoen zahlen, sondern bekomme Pass und Papiere einfach so in die Hand gedrückt.

Aber ich muß eben in dem Grenzstädtchen ein neues Taxi suchen. Das geht relativ schnell. Aber es ist fast schon enttäuschend: Diesmal sind wir in drei Reihen nur ganze zwölf Leutchen! Da kommt man sich während der letzten beiden Stunden ja regelrecht einsam vor…

Gehen 16 Uhr bin ich dann in Gangtok, Sikkims Hauptstadt, angekommen. Schon auf der Fahrt sind mir hier die vielen buddhistischen Gebetsfahnen aufgefallen. Kein Wunder, denn Tibet ist ganz nah, und allüberall sieht man Solidaritätsbekundungen für die Menschen, die unter dem Joch Chinas zurechtkommen müssen. Auch viele Klöster führen dazu, daß Gangtok zu den  Zentren des Buddhismus zählt.

Westliche Tänze auf dem kalten Marktplatz von Gangtok

Auf der anderen Seite kommt mir  die Stadt, die ungefähr so viele Einwohner wie Nürtingen hat, sich aber über 400 Höhenmeter erstreckt, auch  sehr weltlich-westlich vor. Someine ich fast, daß die relative  Dichte der Alkohol-Shops (in Indien gibt es Bier, Wein und Schnaps nicht im Supermarkt, sondern nur in lizensierten Läden) die Calcuttas weit übertrifft. Und auf dem Marktplatz gibt es beim Sikkim Snow and Culture Festival (von Schnee ist übrigens weit und breit nichts zu sehen) tänzerische Darbietungen, die mit Himalaya-Folklore wohl in etwa so viel wie der Hohenneuffen mit dem Mount Everest zu tun haben, aber dennoch kräftig beklatscht werden.

So weit mein erster Eindruck. Für morgen hab ich eine Stadtführung gebucht. Bin mal gespannt, welches Bild sich dann bietet.

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Morgens so, abends so

„Heute so, morgen so“ – mit diesem Schlager hat Roberto Blanco dereinst Dieter Thomas Hecks Hitparade gestürmt. In Calcutta freilich geht es noch rasanter zu. Auch und gerade auf den riesigen Aus- und Einfallstraßen, auf denen sich die Menschen zur Arbeit und dann wieder nach Hause kämpfen.

In Calcutta wird die Richtung vieler Einbahnstraße mitten am Tag gedreht - selbst auf der Park Street, einer Hauptverkehrsader.

Da hat das Ganze sogar System. Vielleicht geht es ja gar nicht anders. Auf jeden Fall werden viele Einbahnstraßen buchstäblich mitten am Tag gedreht. Dorthin, wo die meisten wollen, geht es dann lang.

Ich male mir aus, wie es wohl wäre, wenn man dieses System zum Beispiel auf die Neuffener Straße anwendete: Morgens nur rein in die Stadt, abends nur raus ins Täle. Ob dieses funktionierte? Ich glaube eher an ein heilloses Durcheinander im Schwabenland. Oder sollte es tatsächlich der Königsweg auch zur Lösung der Nürtinger Verkehrsprobleme sein? Selbst in Richtung Autobahn?

In Calcutta allerdings funktioniert das erstaunlich gut. Mir ist noch kein Geisterfahrer aufgefallen. Wobei ich schon meine Probleme habe: Muss ich morgens den Spruch, den ich als Schulbub gelernt habe, wegen des Linksverkehrs nach britischem Muster umdrehen und mir innerlich sagen: „Erst rechts, dann links, dann grade aus, dann kommst Du sicher gut nach Haus!“, so gilt abends wieder die deutsche Variante. Aber was soll’s: Bisher hat mich noch keiner auf die Hörner genommen. Obwohl die Autofahrer hier nicht bremsen, wenn die einen Fußgänger auf der Fahrbahn sehen. Im Gegenteil: Sie halten eher noch draufzu , damit dessen erhöhter Pulsschlag den Kreislauf in Schwung bringt.

So hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

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