Es geht eben nichts über einen gesunden Nervenkitzel! Diesen Beitrag schreibe ich im Nachtzug von New Jalpaiguri (oder ganz kurz NJP, wie die Inder sagen) nach Calcutta. Seit 28 Minuten rollt er. Das muss extra erwähnt werden, denn lange Zeit sah es gar nicht so aus, als würde ich das schaffen. Und das, obwohl ich ein dickes Sicherheitspolster eingebaut hatte.
Um 8 Uhr abends verlässt der Postexpress den Bahnhof von NJP. Da muss es doch dicke reichen, wenn ich das Share-Taxi um 1 mittags nehme. Immerhin sind es gerade mal 113 Kilometer von Sikkims Hauptstadt Gangtok dorthin, und ich mache mir schon Gedanken, wie ich an einen Tipp für ein schönes Lokal mit heimischer Küche komme, wo ich noch mein Nachtmahl zu mir nehmen kann, bevor ich in den Zug steige.
Den Morgen hab ich also noch frei. Ich bekomme mein Frühstück aufs Zimmer serviert, denn das Restaurant im Hotel Tibet hat heute geschlossen. Den Grund dafür bekomme ich quasi auf dem Tablett serviert: Tibetische Neujahrskekse sowie eine Brühe, die ich nicht so recht einordnen kann. “Das ist wie tibetisches Bier”, sagt mir der Kellner: “Das müssen Sie an Neujahr einfach probieren.” Und das um kurz nach 9! Ich tu ihm dennoch den Gefallen. Wie Bier schmeckte es zwar nicht, aber gar nicht so übel. Der Herr Ober freut sich auf jeden Fall über das Lob.
Ich packe meine Sachen und entschließe mich, noch dem Zoo einen Besuch abzustatten. Ein Gemälde tags zuvor beim Mittagessen mit Sundip in Namchi hat mir richtig Lust drauf gemacht. Bis dahin wußte ich nämlich noch gar nicht, daß es auch einen roten Panda gibt. Und der soll dort in Gangtok zu sehen sein.

Der Taxifahrer verlangt zwar aus meiner Sicht unverschämt viel (250 Rupien oder 4 Euro oder sechs Kilo Reis für zwei Stunden), aber was soll ich machen? Zudem dachte ich eigentlich, daß der Zoo in der Stadt Gangtok sein muss. Aber es geht Serpentinen um Serpentinen bergauf, einmal mehr wird das Hochfest der Schlaglöcher gefeiert – und dan bremst uns auch noch ein Demonstrationszug aus. Etwa 1000 Tibeter protestieren zu Neujahr gegen die Unterdrückung ihrer Landsleute durch China: “Free Tibet!” Aus Solidarität warte ich natürlich gerne.
Die Kurven-Orgie danach scheint kein Ende zu nehmen, und als wir endlich im Zoo angekommen sind, bleibt im Grunde nur noch eine halbe Stunde. Also heißt es: Im Schweinsgalopp durch den Tiergarten! Gottseidank habe ich ein gutes Orientierungsvermögen und weiß zudem genau, was ich sehen will. Meine Erfahrung aus den Tiroler Bergen hilft mir zudem, die 150 Höhenmeter bis zum Schneeleoparden zügig zu überwinden.
Und da liegt er doch tatsächlich vor mir. Ich muss an das Gespräch ein paar Tage zuvor im Öko-Tourismus-Dorf von Tinchuley denken. “Ein Leopard ist nicht zu vergleichen mit einem bengalischen Tiger”, haben mir Dipendra Gurung und seine beiden Onkel da gesagt: “Ein Tiger frisst auch Menschen. Der Leopard ist aber nicht mehr als eine größere Katze.” Naja, ganz kann ich das nicht glauben. Aber die drei sind ja Gorkha und damit Angehörige eines Kriegervolkes. Denen macht so schnell nichts Angst.

Ich aber gehe schon ein paar Schritte zurück, als sich die große Katze schnell und geschmeidig auf mich zubewegt. Obwohl ich hinter dem Zaun ja eigentlich sicher bin. Doch was ich dann erlebe, bestätigt, die Gorkha-Theorie: Der Leopard schnurrt und reibt sein Haupt dann genauso wohlig auf dem Boden und an einem Pfosten wie früher mein Mohrle und jetzt die Lina. Und dann wirft der Herr oder die Dame (so genau kann ich das auf die Schnelle nicht feststellen) sich auch noch traumhaft in Positur. Ein Super-Model!
Das kann man vom roten Panda nicht gerade behaupten, der ein paar Mezer tiefer in einem Riesen-Gehege träge auf einem hohen Baumstumpf direkt in der Mitte hockt. Da muss das Zoom der Kamera schon alles geben, damit ich auch noch ein bissle davon festhalten kann. Aber immerhin: Aus der Ferne habe ich ihn mal gesehen.

Meine Jogging-Tour auf 2200 Meter Höhe geht wieder in Richtung Parkplatz. Ich bin zehn Minuten vor der Zeit da, also kann ich noch zu den Vögeln, die sich hier in der Natur erstaunlich rar machen. Silber- und Goldfasan defilieren vor mir, und dann höre ich aus einem Gehege um die Ecke komische Laute. Ich sehe nach und vor mir steht – ein roter Panda! Sein Pfleger, ein freundlicher Nepali, lockt ihn mit Futter auch dorthin, wo ich einigermaßen durch den Zaun fotografien kann. Einfach Klasse!
Von diesem Erfolgserlebnis beflügelt lasse ich mich 600 Höhenmeter nach unten zum Taxi-Stand bringen. Ich sitze hinten rechts. Scheint mein Stammplatz in den Bergen zu sein, irgendwie haben sich die Taxifahrer da abgesprochen. Drei junge Leute quetschen sich neben mich, aber diesmal sind wir nur zu neunt – und nicht 21 wie auf der Hinfahrt. Da kommt man sich ja richtig einsam vor!

Gut gelaunt geht es nun zu Tale. Aber schon nach 20 Minuten kommt der erste unfreiwillige Halt. Es rumpelt und pumpelt unter mir, wir müssen links ran. Klare Sache. der Reifen unter mir hat den Geist aufgegeben. Ich denke mir noch nicht viel dabei, wundere mich eher, wie schnell man hier mit einfachsten Mittel einen Reifenwechsel direkt an der Hauptverkehrader zustande bringt.
Auch die Grenzformalitäten gehen schnell. Ich muß meine Sondergenehmigung wieder abgeben und im Pass eine Unterschrift eintragen lassen. Die anderen brauchen nicht lange zu warten.
Schon ein paar Meter weiter in West-Bengalen, auf der anderen Seite des Teesta, ändert sich das. Wir stehen fast eine Stunde und erkennen den Grund erst später: Die marode Straße wird asphaltiert. Mit vorsintflutlichen Geräten. Oder zumindest solchen, die aus der britischen Kolonialzeit stammen. Und deswegen hat die Polizei den Verkehr erst einmal in beide Richtungen dicht gemacht.
Nun haben wir schon ganz schön Zeit auf der Piste gelassen. Umso mehr wundert es mich, daß der Mann am Steuer zwar zuerst tüchtig Gas gibt, nach 20 Minuten aber an einer Straßenküche anhält und eine Pause ausruft. Für die anderen ist das offensichtlich völlig normal. Sie nehmen auch noch in aller Ruhe etwas zu sich, während ich im Dorf auf und ab gehe und den Blick kaum von der Uhr wenden kann.
“Mach Dir keine Sorgen”, sagt der Mann vor mir. Wie sich herausstellt, ein früherer internationaler Fußball-Schiedsrichter (doch davon später). Deswegen glaube auch seinem: “Das reicht noch dicke!”
Wir unterhalten uns blendend. Bis wieder ein verhängnisvolles Geräusch an unsere Ohren dringt. Wieder direkt unter mir. Wieder ein Platter. Ob das an mir liegt? “Oh je, wir haben ein Problem”, raunt mir der junge Lepcha, der zuhause in Sikkim zu Besuch war und zurück nach Calcutta zum Studieren will, zu: “Meinen Bus nach Kolkata, den kann ich jetzt vergessen.” Und auch mir schwant Übles.

Doch wähend ich die Situation als ziemlich hoffnungslos einschätze, erlebe ich in der Dunkelkeit die positive Seite Indiens. Es dauert keine zehn Minuten, bis ein anderer Jeep anhält und uns bereitwillig sein Ersatzrad überlässt. Unser Fahrer soll ihm halt an beider Ziel, dem Taxi-Stand von Siliguri, wieder eins zurückgeben. Das bedeutet wieder Zeitverlust, auch wenn ich wieder über die Geschwindigkeit des Radwechsels staune. Die Jungs hier hätten Talent für die Formel 1. Eine Viertelstunde später machen wir an der nächsten Werkstatt halt. Bisher habe ich mich immer gewundert, warum es in Indien so viele Reifen-Services gibt. Seit heute frage ich mich nicht mehr, warum dem so ist.
De Zeit verrinnt unerbittlich. Doch nun lerne ich auch die Flexibilität der Inder kennen. Der Schiri vor mir legt sich für einen jungen Maschinenbauingenieur, der auch nach Calcutta zur Arbeit muß, und mich ins Zeug. Er und der Fahrer finden eine Lösung. auf einem Markt ein paar Kilometer außerhalb von Siliguri werden sie uns absetzen. Von dort geht es dann mit der Auto-Rikscha weiter.
So gut wir uns unterhalten haben, so hektisch muss nun der Abschied sein. Es reicht gerade mal zum Austausch der Visitenkarten (das ist in Indien offensichtlich Ritual und muss ganz einfach sein), alle legen Hand an, um das Gepäck vom Dach des Jeep in das überdachte Dreirad zu hieven, und dann beginnt der große Wettlauf mit der Uhr. “Tuk Tuk” gegen “Tick Tack, Tick, Tack”. Der Blutdruck steigt, der Puls wird schneller – aber am Ende siegt Tuktuk gegen Ticktack. Wir haben es geschafft. In letzter Minute.
Und ich bin um ein indisches Erlebnis reicher.










